Von Kerstin Preiwuß. Im Januar 2011
Wiederholung und Verwandlung
I.
Jemand hat einmal, nachdem ich ihm in knappen Worten schilderte, wie ein äußeres Ereignis mich völlig unvorbereitet getroffen und regelrecht erschüttert hatte, zu mir gesagt, dass, selbst wenn dieses Ereignis sich noch einmal wiederholen sollte, es nie wieder so weh tun würde wie beim ersten Mal. Die Erschütterung war von außen gekommen, das heißt, die Worte, die dafür möglich sind, wurden mir aufgedrängt. Es gab Worte, die ich sagen musste, obwohl ich sie nicht aussprechen wollte, es gab keine anderen Worte dafür. Ich musste erfahren, dass die Sprache mir mit diesen Worten Gewalt antat, ich hatte dabei aber auch erfahren, dass mir die Worte blieben, die dafür zu sagen waren, dass sie bei mir blieben und wiederholbar waren. Ich konnte mich an sie erinnern und erfuhr, dass ich zwar mit ihnen nur immer wieder auf das Ereignis zeigte, dieses sich mit der Zeit aber zu verwandeln begann. Sollte die Sprache „es“ am Anfang einfach nur sagen, redete ich mir nach einer Weile in ihr zu. So konnte ich das, was von außen durch mich durchgegangen war, in der Sprache noch einmal nachvollziehen, diesmal aber von innen nach außen, das heißt, ich konnte, ausgehend von dem Moment wortloser Erschütterung, seinen Verlauf verfolgen und dabei die Erschütterung in Sprache verwandeln. Die Sprache sollte mein Blitzableiter sein, während ich mir gut zuredete, sollte sie sich bewegen. Wie diesen Weg zeigen, den Sprache nimmt, während sie verklingt? „Stellen Sie sich vor“ sagt Peirce über die Zeichen,
„sie sässen nachts allein in der gondel eines ballons, hoch über der erde, die vollkommene ruhe und stille geniessend. plötzlich überfällt sie das durchdringende zischen einer dampfpfeife, das eine weile anhält. die impression der stille war eine firstness-idee, eine empfindungsqualität. der durchdringende pfiff lässt sie weder etwas denken, noch etwas tun, sondern nur erleiden. also ist auch das absolut einfach. eine andere firstness. aber die unterbrechung der stille durch das geräusch war eine erfahrung. in seiner trägheit identifiziert sich der mensch mit dem vorhergehenden zustand der empfindung, und die neue empfindung, die ohne seinen willen hinzukommt, ist das non-ego. er hat ein doppelseitiges bewusstsein von einem ego und einem non-ego. dieses bewusstein der wirkung einer neuen empfindung, die die alte empfindung zerstört, nenne ich eine erfahrung.“ (elisabeth walther: peirce: über zeichen)
II.
Ich hatte eine Erfahrung gemacht und wollte darüber reden. Ich hatte die Erfahrung einer Erschütterung gemacht und wollte nicht darüber reden, sondern sie in Rede überführen. Wie das Reden erst entsteht: ächzend, zögernd, würgend, fließt am Ende alles in eine Rede, es fügt sich in eine Sprache, die diese Bewegung folgerichtig abbildet. So entsteht eine Bewegung in der Sprache und damit vielleicht Bewegtheit. Man kann sagen, ein erschüttertes Ich redet sich gut zu, und während es das tut, beruhigt es sich und. Aber wie zeigt sich eine Erschütterung im Gedicht? Wie spricht es sich?
medium
es gibt bloß den text und das problem der blinden seher
Sagt mir wie empfindet ihr
die zarten Risse der Hirnrinde
als arbeitendes Gestein
als ein Haus im lettischen Winter?mein nervenkostüm fällt herunter. erhängt
an einer angel ist es ihr senkblei. und botmir grund zur niederkunft. ganz
früh noch feucht die lunge klebt. geflügelt
ich probier meine haut liegt mir auf
der zunge. hab sie angeraut. sie hüte ichwie’s kind in den brunnen gefallen
ist das kind mit dem bade ausgeschüttet
muss ich ein bad nehmen. muss ich wasser holen
aus meinen händen schütt ich’s brunnenwasser schütt ich
wer trinkt es zur neige? wer trinkt sich zugrund?grund. früheres orakel. frau, pythia ohne zähne
und von drogen völlig berauscht
ist sie ihren eigenen worten ein
getriebenes wild. lautet. die losung„in jedem fall wirst du, suchender, dich finden“
spürt das wort in seiner bedeutung sehr. ausgebildet
in der sprache der jäger die exkremente des wildes
umfasst es die jagd und das gelage im wirtshaus danachbin ich leer. und blind vor scham
formen finger vogelkrallen nach
vorher bin ich schachtelhalm
leg eine naht zum erdzeitalter an
sonst torkel ich ödipal
heb’s federkleid hoch
zur lächerlichen figur. und danndrehten sie ihren hühnern die augen um
nachher in den augen der hühner zu sein
blick kann sich dabei der welt entziehn
zurücktreten in ein reserveleben
ohne verstand und ohne haltung
den körper besinnungslos hüten
in das taubstumme eines tageskein derwisch mehr
kein letztes gericht
nur ein zum stehen gekommenes selbstabbildist das die fliehkraft?
die beine nach oben. die krallen gereckt
den schnabel in die luft gehobene schablonen
und sternschnuppen bedeuten einen toten
die drachen, mit beute beladen
genießen die gesellschaft der plejaden
wer zur herbstzeitlose ist eine hagere sophie
reißt aus meinem schädel ein loch
mit ein wenig trauerflor mach ich es blickdichtso wie mein jochbein eine durchreiche
zwischen küche und esstisch
brach aus mir das meuternde wort tönt silbe um silbe
ich schwiege ja. ich schwiege es ja an
die stille gewöhn ich mich doch anentbehrungen? kann man eingehen daran?
Ja sagen Ja sagen. ist nicht mehr als ein nicken vom hals an abwärts
gezittert, geschüttelt dann die gegenwart des schmerzes. der
furor ist ja ein schönes lateinisches wort für all das
verweist auf den exorzismus der Emily Rose machtangst kraft? ja und nein
angst macht krank. lässt einen nicht in ruhe mit der umwelt. sein
blick wird hellsichtig. er gewinnt dabei an sehkraft
fürs purgatorium ist das der anfangverhungern dann. hunger ist eine eigenschaft
der seele an öden orten im bewusstsein und dort draußen
ist man an sein Ich gebunden wie ein halbgott
einmal von den göttern verstoßen wurde ans gebirg gekettet und dann
von einem anderen ebenfalls bestraften halbgott gerettet. und endlichephemer. ruhm ist längst bewiesen. beunruhigt die toten
hämmern dagegen ein entbeinter trägt uns seine stümpfe an
das ist unser schatten. ihm bleibt was er trägt
ihm bleibt dass er unter seiner last noch ächzen kann
seine vorfahren beschrieben wir etwas
von ihrem herztier? wir führen
verwandtschaft auf pumpdas reden mit sich selbst? eröffnet sich nicht
zwar sind die worte unterhaltsam
aber worte nur für sich selbst gedacht
sind polypen auf dem grund des hirns
sind zauberspruchorte
zweckloser botenstoff
hermes heutewird das verstanden und ironisch gekühlt
ist die seele hinter den ofen gekrochen
den ofen haben wir lang nicht gespürtwelch erhaltungssatz an energie bei aller entropie
drehen Sie mal den hühnern die augen um
nachher in den augen der hühner zu sein
blick kann sich dabei der welt entziehn
zurücktreten in ein reserveleben
ohne verstand und ohne haltung
den körper besinnungslos hüten
in das taubstumme eines tagestobt der reißwolf in mir
packt mich im nacken
reißt mich aus der haut
bis auf das knochenknacken
bin ich ihm holdund an den wolf klammern sich meine hände
und meine mit jeder gebärde absterbenden hände
und meine abgestorbene gebärde
und meine abgestorbenen hände
und die zeit, die strenge
und gerechte zeit. am endeschreien die lämmer im frühjahr
zur unzeit geschoren gebürstet
und gegen den strich fährt grind aus der haut
flicht krusten im pelz
wächst stückweis die borke zwittrig ins licht:
solange ich mich kenne und dich
verzweifel ich nichtan der haut weltzugewandter worte
der hauptwelt zu gewandter wortemein therapeut heißt sprache, die
selbe geschichte einer beziehung zwischen innen und außen
wie wir um unsere hände ringen. wie wir
beide uns gebärden im schatten ewiger gewalten
die zu verwandeln mühsam ist und selten
selig macht, vielmehrist meinem mund die sprache ein tier
bricht aus ihr das meuternde wort tönt silbe um silbe
ich schwiege ja. ich schwiege es ja an
die stille gewöhn ich mich doch dannsagt sie:
aus dieser wilden gebetsmühle
rollen steine körner staub
das hauptsagt nie
durch diese wilde gebetsmühle
jag ich steine körner staub
das hauptsagt, sie
jagen mich
aus dieser wilden gebetsmühle
rollen steine körner staub
das hauptSag.
Sieh:Ich habe so mit mir gerungen.
Irgendwann ufert das aus.
In dem Gedicht „Medium“ verändert sich das Sprechen über etwas über das Sprache Sprechen zum Sprechen mit der Sprache selbst, bis schließlich Anfang und Ende eine Kreisbewegung ergeben. Das, was am Ende ausufert, ist das Ausgeuferte, das zu Anfang das Ich überhaupt zum Sprechen bewegt. Am Anfang noch völlig überwältigt von einer Erfahrung, gewinnt mit dem Aussprechen, dem Verlauten, die Rede Macht über das sprechende Ich. Dieses Ich setzt bei einem geburtsähnlichen Zustand ein, der in die Tiefe der Zeit, zu den Mythen zurückführt. Es stellt dem sein Hier und Jetzt gegenüber, denn es weiß nun, wie etwas früher war und heute ist. Vergleiche drängen sich auf. Im Laufe des Gedichts verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Die Sprache gewinnt an Gewicht, sie wird zu einer eigenen Instanz. Dem Ich wird es über die Sprache möglich, etwas zu wiederholen und in der Wiederholung zu verändern. Dienen die herausgedrehten Augen der Hühner am Anfang noch als Beweis für den Zustand der Verstörung: und dann drehten sie den hühnern die augen um/nachher in den augen der hühner zu sein, wirken sie zu einem späteren Zeitpunkt des Gedichts wie eine Aufforderung zum Handeln: drehen Sie mal den hühnern die augen um/ nachher in den augen der hühner zu sein. Die Hier-Jetzt-Ich-Koordinaten haben sich verschoben. Von der uneinholbaren Vergangenheit hin zu einer Möglichkeit, einem Nochmal. Etwas Einmaliges wird wiederholbar. Es wird allein wiederholbar in den Grenzen der Sprache, es wird damit verhandelbar. Ein Ich durchlebt im Aussprechen seiner Gedanken einen Sprachprozess, am Ende der Denkbewegung steht die Tatsache, dass Sprache spricht. Vom Ich und seinem isolierten Mittelpunkt aus wird ein Dialog aufgebaut zu einem Du, das sich entwickelt. Von einem Du, das auf eine Art erweitertes Selbstgespräch des Ichs schließen lässt, zu einer anderen eigenständigen Instanz, der Sprache, die doch gleichzeitig nur aus der Sprache hervorgebracht werden kann. Am Ende sagt „sie“: aus dieser wilden gebetsmühle rollen steine körper staub das haupt“ und werden die Ichs vertauscht: War das sprechende Ich am Anfang noch das Subjekt, das sprach, ist das Ich am Ende das der Sprache, die zu dem Subjekt spricht. Und dabei etwas von sich preisgibt, was auch das Subjekt-Ich kennt: Ich habe so mit mir gerungen. Irgendwann ufert das aus.
III.
Dieses „Sprechen mit der Sprache“ muss von der Ambivalenz ausgehen, dass die Sprache gleichzeitig das Erste und Letzte ist, was gilt. Im Sprechen äußert sich ein Ich, das von der Beschränkung seiner Äußerungen durch die Sprache weiß: Sagbar ist nur, was sich in die Formen vorhandener Wortzeichen gießt und als Laut sofort wieder verklingt.
„Es ist schwierig zu reden, wenn man etwas zu sagen hat gerade wegen der Wörter, die uns fortwährend etwas in einer Weise sagen lassen wie die Wörter es brauchen und nicht in einer Weise wie wir es im Leben brauchen.“ (John Cage: Silence)
Sagbar wird aber auch der Widerspruch, das Uneinssein mit der Sprache, die Unsicherheit, sie zu gebrauchen, das – um es mit Wittgenstein zu sagen – „Anrennen an die Grenzen der Sprache“. Innerhalb des Gedichts hat sich damit allein durch das Reden entlang einer willkürlichen Tonfolge eine Bewegung ergeben, die eine allmähliche Sinnverwandlung wiederholter Wörter zur Folge hat. Peirce sagt analog dazu:
„In einem Musikstück gibt es die einzelnen Töne, und es gibt die Melodie. Ein einzelner Ton kann eine Stunde oder einen Tag lang angehalten werden; er existiert in jeder Sekunde der Zeit ebenso vollkommen wie in der ganzen Zeit zusammengenommen; mithin könnte er, solange er tönt; einem Sinn gegenwärtig sein; von dem alles Vergangene ebenso vollständig abwesend ist wie die Zukunft. Aber mit der Melodie ist es anders; ihr Spiel nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch; während derselben werden nur Teile der Melodie gespielt. Sie besteht in einer Abfolge von Tönen, welche das Ohr zu verschiedenen Zeiten treffen; und um sie wahrzunehmen, ist irgendeine Kontinuität des Bewußtseins nötig, welche uns die Ereignisse eines Zeitablaufs vergegenwärtigt. Wir nehmen die Melodie gewiß nur durch das Hören der einzelnen Töne wahr; aber man kann nicht sagen, daß wir sie unmittelbar hören, denn wir hören nur, was im Augenblick gegenwärtig ist, und eine Regelmäßigkeit der Folge kann nicht in einem Augenblick existieren. Diese zwei Arten von Objekten, deren wir uns unmittelbar bewußt sind, und diejenigen, deren wir uns mittelbar bewußt sind, finden sich in jedem Bewußtsein.“ (Peirce: Über die Klarheit unserer Gedanken)
IV.
„Verwandlung“ wird im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm in dreifacher Bedeutung möglich: Zum einen wird sie hervorgerufen durch übernatürliche Kräfte im mythischen Sinne. Zum anderen ist sie Ergebnis physiologischer oder anderer Naturvorgänge. Schließlich dient sie zur Bezeichnung der Veränderung von Personen, vornehmlich ihrer Wesensart, wird „Verwandlung“ angewandt auf das menschliche Tun als soziologischen Vorgang. Anhand dieser gestaffelten Bedeutung wird die Veränderung des Begriffs selbst ablesbar: Die nicht vernünftig erklärbare mythische Metamorphose, wie sie in vielen sagenhaften Götter- und Heldengeschichten zum Ausdruck kommt, bezeichnet lediglich die äußere Verwandlung und erklärt sie häufig als übernatürliche und daher schicksalhafte Bestrafung. Der veränderte Zustand ist Ergebnis eines Konfliktes, dessen Verlauf nicht weiter verhandelt wird. Veränderung ist die einzig wahrnehmbare Lösung und gleichzeitig nur ihr Bild gewordener Teil. Die Denkprozesse, die diesen Verwandlungsgeschichten vorausgingen, bleiben verborgen und lassen sich nur nachträglich allegorisch aus ihrer Bildhaftigkeit ableiten.
Durchschaubarer ist daher schon Verwandlung als Substanzwandel infolge natürlicher Ursachen. Hier wird die veränderte Gestalt in ihrer Veränderung begriffen, ist der Wandel beobachtbar. Metamorphose von Pflanzen, Tieren und dem Menschen als natürliches Prinzip wird als Ergebnis eines empirischen Prozesses wie auch als Naturgesetz beschreibbar.
Die Wandelbarkeit einer Person geht dabei noch einen Schritt weiter. Sie überträgt die in der Natur wahrnehmbaren Wandlungsprozesse auf das Innere des Menschen und verbindet diese Wandelbarkeit mit der Konfliktdarstellung mythischer Verwandlungsgeschichten: Die Wandelbarkeit der menschlichen Psyche gerät zu einem Konflikt zwischen der Außenwelt mit ihren Tatsachen, und dem seelischen Innenleben, das diese Tatsachen als Zwänge empfindet.
Es sind die Übergänge von einer Geschichte zur nächsten, mit denen Ovid in seinen Metamorphosen eine fortwährende Bewegung generiert, die auf zweiter Ebene als Sinnbild einer sich stets wandelnden, neu verwandelten Natur begriffen werden kann. Die Mythen selbst wandeln sich von simplen Geschichten zu Allegorien, hinter deren Bildlichkeit Poesie als Einheit von Sinnlichkeit und Vernunft, als „geglaubte Wahrheit“ aufscheint.
Es sind die „Metamorphosen“ Ovids, die einen enormen Einfluss auf das christliche Mittelalter ausüben und den Gedanken der „Verwandlung“ bestehen bleiben lassen. Auch das christliche Mittelalter ist voll von Verwandlungsmythen: Sei es der Glaubensmythos der Eucharistie und der Trinität oder die Kerngedanken der spätmittelalterlichen Alchemie, nach denen die Transformation der Metalle in wechselseitiger Beziehung zu einer gewünschten Veränderung des Menschen steht (der Gedanke an den Stein der Weisen oder die Suche nach dem Lebenselixier als Garant ewiger Jugend). Gleichzeitig lenkt der Symbolismus der Alchemie erstmalig die Aufmerksamkeit auf Sprache als Werkzeug der Verwandlungskunst: Eigentümlich ist den alchemistischen Beschreibungen, dass die Wörter aufeinander anwendbar sind: Wörter beziehen sich auf Wörter, die sich auf Sinnbilder beziehen, die, bestehend aus Wörtern, Dinge bezeichnen. Alles führt einen gemäß der Wahrheitstafel des Hermes Trismegistos „was oben ist, ist gleich dem, was unten ist“ in die Irre, indem jedes Wort zugleich für den Teil und das Ganze steht. Das alchemistische Sprachspiel wird dabei soweit getrieben, dass die Wörter zu ihren Verneinungen in Beziehung gesetzt sind, so dass am Ende jeder Ausdruck jede beliebige Sache bezeichnen kann. Der Glaube an die Einheit der Welt ist von den Geschichten auf die Sprache übergegangen, darstellbar durch den andauernden Wandel der Bedeutungen der Wörter. [Vgl. Michel Butor: Die Alchemie und ihre Sprache; Elmar Schenkel: Die Elixiere der Schrift. Alchemie und Literatur]
Dies wird vom philosophischen Idealismus des 19. Jahrhunderts wie vom magischen Idealismus der Romantiker noch einmal gesteigert: Metamorphose wird zum Gestaltprinzip einer Dichtung erhoben, die die Gegebenheiten der natürlichen Außenwelt in Beziehung zur Innenwelt des Menschen setzt. Bergwerke und Bergbau werden analog zu den Schichten und Abgründen der menschlichen Psyche gesetzt [z. B. in den Kunstmärchen der Romantik: „Der blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck oder „Die Bergwerke von Falun“ von E. T. A. Hoffmann], „nach innen geht der geheimnisvolle Weg“, der einem von dort aus die Außenwelt wieder rätselhaft erscheinen lässt. Eine „progressive Universalpoesie“ soll daraus entstehen, die, ausgehend von der Möglichkeit, über Sprache Denken und Wahrnehmung miteinander in Beziehung zu setzen, Natur und Kultur in einen größeren Zusammenhang der Poesie auflösen will. Am Ende ist es der Vorgang der Metamorphose selbst, dessen Bewegtheit und dramatisches Potential Gegenstand des künstlerischen Interesses wird. Die mythische Metamorphose ist zur ästhetischen Form geworden, aus der heraus Literatur entsteht:
„Das Ich ist sich selbst überlegen; aus seinem Unvermögen stammen die Verwandlungen. Die Metamorphose führt in feinen Linien fort, was die Gebärde des Ich begann: Allegorien, Chiffren, die das Ich mit dem fremden Zustand der Welt ineins setzen.“ (Höllerer, Walter: Transit. Lyrikjahrbuch der Jahrhundertmitte)
V.
Damit Verwandlung erfahrbar wird, benötigt sie den Vergleich. Zwei Zustände werden miteinander in Beziehung gesetzt. Ergeben sich aus dem Vergleich beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Zuständen, ist ein Zustand Ausgang, der andere Ergebnis einer Veränderung.
Damit Veränderung in der Sprache darstellbar wird, bedarf es der Wiederholung, denn entweder erfolgt die Verwandlung der Dinge allmählich entlang ihrer Wiederholung, oder aber ist die Wiederholung die Verwandlung selbst. Alles ist wandelbar in der Zeit. Dadurch wird es erst wiederholbar, weil sich durch die Variation des Bestehenden mit der Zeit Vergleichbares herauskristallisiert, sich Analogien zum Vergangenen bilden lassen. Metamorphose als unendlicher hermeneutischer Zirkel, der zwischen den Teilen und dem Ganzen mäandert, ohne jemals in diesem Prozess innehalten zu können. Erst die vergehende Zeit stiftet den Zusammenhang zwischen dem Ausgangs- und dem Endzustand einer Metamorphose. Erst die Zeit stiftet den Zusammenhang zwischen scheinbar weit voneinander entfernt liegenden Dingen.
VI.
So einfach das ist, in einem längeren Gedicht vergeht mehr Zeit als in einem kurzen.
Längere Gedichte binden in ihrer Struktur diese Wechselbeziehung zwischen der lyrischen Aussage und dem Widerspruch, der sich mit dem Moment der Aussage gegenüber (all)dem Gesagten ergibt. Dieser Widerspruch, der der Sprache immanent ist, wirkt nicht nur auf phonetischer Ebene, sondern auch auf semantischer Ebene auf das Gesagte ein: dialogische Passagen stehen im Wechsel zu monologischen, Anrufungen folgen auf Selbstgespräche, Aussagen werden zurückgenommen oder münden in Kreisbewegungen, die auf den Anfang des Gedichts verweisen, Metaphern verändern sich zu Metonymien und umgekehrt, uralte Mythen entwickeln sich zu paradoxalen Bildwelten. Zwar ist seit Lessings „Laokoon“ bekannt, dass die Sprache ihrem linearen Bewegungsablauf nicht entkommt, aber in langen Gedichten kann ich eine langsame Verwandlung der Aussagen vollziehen: Zwar wird alles nacheinander ausgesprochen und dadurch erst bedeutsam, aber indem ich frühere Aussagen zu einem späteren Zeitpunkt des Gedichts wiederhole, wird es mir möglich, mit den gleichen Worten etwas anderes zu sagen. Man stelle sich ein Bild vor, wie ein Mensch sich so langsam aus einer sitzenden Position erhebt, dass der Beobachter währenddessen keine Bewegung wahrnimmt, sich am Ende aber der Sitzende für ihn zu einem Stehenden verändert hat. So wünsche ich es mir mit den Gedichten, dass sich über die lange Form in ihnen Bewegung abbildet, die darum wieder Bewegtheit möglich macht. Ein Subjekt mag sprachlos sein angesichts des Zwangs die Sprache so zu gebrauchen, wie man sie (auch für die Dichtung) kennt. Aber, indem es widersprechen, wiederholen und verändern kann, kann es sich innerhalb dieser Sprache bewegen, es kann von Erfahrungen sprechen, von „unseren Formeln von Liebe und Hass und jeder reinen Größe“ (Jakobson), es kann sie erneuern und sich mit ihnen.
„Das reine Werk impliziert das sprechende Hinwegtreten des Dichters, der die Initiative den Wörtern überlässt, den durch den Aufprall ihrer Ungleichzeitigkeit mobilisierten; sie entzünden sich im gegenseitigen Widerschein wie ein virtuelles Gleiten von Feuern über Edelsteine, die im früheren lyrischen Wehen hörbaren Atemzüge oder die persönlich-enthusiastische Satzführung ersetzend.“
äußert Mallarmé in seiner „Verskrise“, um ein paar Abschnitte später zu dem Gedanken zu kommen:
„Ein nicht zu verleugnendes Streben meiner Zeit ist, wie im Hinblick auf verschiedene Zuständigkeiten, den doppelten Status der Rede auseinanderzuhalten, roh oder unmittelbar auf der einen, essentiell auf der anderen Seite.“
Dieses Ringen um Antwort geht meiner tatsächlichen Rede voraus. Indem es seine Zeit braucht, hilft es mir, mich zu wehren gegen die Zudringlichkeiten einer Welt, die oft, ohne dass ich es will und doch recht brachial, ihren Einfluss ausübt und mein Sprechen bestimmt.
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