Von Kai Johannes Polzhofer. Leipzig im März 2011
Gedanken zu einer religiösen Kunst
Skizzen zu „Amen dico tibi: hodie mecum eris in paradiso“
Karmusik für Streichquartett. (2010/2011)
I
In der Trauer dies Moment, das uns der Wahrheit näher bringt. Nicht zufällig hebt Kunst zumeist mit dem Sentimentalischen des Schwärmens an. Im Vorhof der Wahrheit die Sehnsucht also. Die tiefsten Werke der Trauer geweiht, in deren unsichtbarer Mitte jenes wehmütige Verhältnis zum Anderen, noch zu Errichtenden, umkreist wird.
Nicht als Hybris, dem Vergehen die Stirn bieten zu wollen, sondern die Trost suchende und die das Untragbare tragende Versenkung in jenes Offenkundigste des Todes, das darin sich erst zum Geheimnis lichtet. „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich“, wie Johannes, der Evangelist, zu schreiben vermag.
Das Verhältnis als Grundbestimmung von Kunst, die um jenes Dazwischen weiß, das Absolutes und Vereinzeltes, Unbedingtes und Endliches zugleich meint, die faktischen und zugleich nur scheinbaren Extreme auf ihr Eigenes als ihnen Anderes verweist, darin die Einheit des Seins meinend. Es gibt nämlich, den Fröschen zum Trotz, nur einen Gott, nur eine Wahrheit, nur ein Sein. So wie Einheit ferner auch nur im seichten Wasser der Unkenden je der Gegenbegriff zur Vielheit war.
Und gerade deshalb gibt es die Möglichkeit einer Kunst. Als eine solche Einheit, die ganz und zugleich ganz und gar nicht aufgeht in ihrem Anderen. Wird der Mensch in der Kunst deshalb immer blind Schauender.
Eignete dem Menschen diese Trauer in der Bestimmtheit des Soseins nicht, wäre der zerbrochene Krug schon zusammengefügt. Sehnender Geist wäre bereits dort, von wo er ausgehend flieht, da der Schleier des Raumes nicht weiter bestünde.
II
„Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein“ – Dieses Versprechen Jesu am Kreuze, dass das Reich Gottes schon immer unter uns ist, zeugt von jener Benjaminschen Ferne, so nahe sie auch immer schon sein mag. Dieses letzte und größte Geheimnis, dass die Vollkommenheit Gottes je schon dort ist, wo der Einzelne noch in Verlassenheit und Ohnmacht liegt, dies Paradox, dass das stets Versagte sich gerade im Zustand tiefster Bedingtheit erst zu realisieren vermag.
Hegel hier ein katholischer Denker. Die Dialektik des Kreuzes jener Dialektik des Seins gleich, das nur darum ganz sein kann, weil es sich ans Konkrete verschenkt. Dort, wo der Mensch sich am fernsten, d.h. gottverlassensten erfährt, er ganz und gar diesem Nichts der Einsamkeit ausgesetzt scheint (die nie mehr als er selbst ist), er also ganz und gar Kreatur, wird er sich und darin Gott am nächsten.
Das Reich Gottes, es ist gerade dort notwendig ganz, wo es gar nicht sein kann. In Golgotha. Das ist jene Dialektik des Bildes vom Kreuz, das Paradoxon werden und bleiben muss. Aller Mangel wird dort vom Menschen genommen, wo jener diesen Mangel am zerreißendsten erlebt. Ex opere operato. Indes ist es nicht das Leid, das dann zu Fülle wird, sich in Christus zum Paradiese hin, zu Gott hin aufhebt. Nein – aller berechtigten philologischen Einwände zum Trotz – es ist dieser Mangel im Bild des Kreuzes als äußerster Verwaistheit im Hic et Nunc. Und zugleich ist es jenes ganz Andere. Das ist das Geheimnis des Glaubens, die über bloße Ahnung hinausgehende Gewissheit jener sich verschiedenen Einheit in der Begegnung mit Christus im Kreuz. Die Gnade des Sakraments. Mysterium fidei.
Alles, was dem Menschen sonst verwehrt bleiben muss, hier im Kreuze soll es sein, kann aber in dem Maße nicht sein, wie es sich genau hier realisiert. Hier hebt sich die Grenze zwischen Sein und Seiendem auf, trotzdem sie genau diese Grenze bleibt, die sie war und doch nie war, nicht ist und nicht sein wird, weil schon Petrus Damiani darauf hingewiesen hat, dass Gottes Allmacht selbst die Geschichte des blühenden Rom ungeschehen machen könne.
III
Das Paradies, es gibt – trotz des Widerspruchs in der etymologischen Bedeutung des Geheges – kein Außen wie kein Innen. Dieses Andere, es ist schon immer vollständig im Eigenen – ohne indes darin aufzugehen. Trotz seiner Unbestimmtheit, seines An-sich, ist es dieses Bestimmte, dieses Für–sich schon immer ganz. Unmerklich.
IV
„Deus est supra omnia per excellentiam suae naturae, et tamen est in omnibus rebus ut causans omnium esse” – wie Thomas schreibt.
V
Das Wesentliche des Katholizismus ausgesprochen in der Widerspruchsfigur. Verzweifeln müssen und doch nicht verzweifeln können. Dasein nichts Ethisches, vielmehr unhintergehbar Notwendiges. Das Andere als fundamental Anderes in der Immanenz der sich gleichen Identität. Die konkrete Utopie einer nichtumzäunten Umzäunung. Bei Musil dann das Wort vom „gleich und nicht gleich sein.“
VI
Ich glaube an das ewige Leben und die Auferstehung der Toten. In diesem Sinne glaube ich nicht an einen Tod. Glaube, dass kein Ereignis je verloren, glaube auch, dass der Krug, das liegt im Wesen von Sein und Raum als Modi der Konkretion im je Seienden, im Geiste der Wiederherstellung des Ganzen noch stets neu bricht. Der Sündenfall ist Gegenwart. So wie die Schriften auch nie etwas anderes gekannt haben als jene höhere Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie Gott tagtäglich sich aufs Neue gekreuzigt erfährt und aufersteht. (Ohne dass dabei nur ein Gedanke von der Wahrheit abführen könnte, dass der Kreuzestod Christi an eine uneinholbare Einmaligkeit gebunden ist und die Hoffnung des ewigen Lebens in eschatologischer Ferne bleiben muss.)
So wie ich an das Kreuz als Bild des Daseins, das nicht in diesem Dasein aufgeht, glaube, so glaube ich auch an Kunst. Kunst, die das Wiederhergestellte als noch Herzustellendes zeigt, jenes Hergestellte, das nur als Versehrtes ist. So wie Kunst in der Zeit und doch keineswegs in der Zeit aufgeht. (Kunst ist nie in Zeit und durch Zeit, obwohl sie gerade primär an Zeitlichkeit gebunden ist.) Ebenso geht echte Kunst immer durch das Bild über das Bild hinaus. Materie besteht für echte Kunst, und nur eine solche verdient Musik genannt zu werden, in und mit und durch die Materie also nicht.
VII
„Amare“ von „ama“, altes Lallwort für Mutter. „Dies illa, dies irae, calamitas et miseriae, dies magna et amara valde“ (Thomas von Celano, Requiemssequenz); „amara“ (d.h. „bitter, herb“); „amare“ (d.h. „lieben“).
Der jüngste Tag, kein Ort der Strafe. Vielmehr Ort jenes Schmerzes des Geschöpften über die Trennung von Gott. Indem der Mensch sich als Gegenüber Gottes erfährt, als Sünder, dessen Wirklichkeit nie den Notwendigkeiten des Möglichen glich, in diesen Akten der Trennung Gott als Äußeres erfahren wurde und wird, das Gute als bloßer Sinnhorizont des eigenen Wesens, nie aber als Identität dieses Wesens mit dem Ideal erkannt wird, tritt in die Seele jene Verzweiflung darüber, dass es das sich im Liebes- und Gnadenakt absolut sich Verschenkende nie als Unbedingtes annehmen wollte. Herb ist hier die Liebe – denn nur durch und in der Liebesbeziehung rechtfertigt die Schuld sich als Kategorie – die nicht aufgehen will in der Einheit, die alles Sondernde des Soseins aufzuheben versprochen hat. Diese letzte, erste und gegenwärtige Trennung von Gott und Geschöpf, wird durch eben jene so schmerzliche Verbundenheit, die Gott zur Schöpfung und das Geschöpfte zu Gott geführt hat, in der Absolutheit des Ganzen aufgehoben. Ohne dass nun das Geringste verloren ginge. Nicht der reine Geist, sondern der ganze Mensch, in der ganzen Leiblichkeit Bild der Totalität dieses Daseins, ersteht. Trotzdem ist in Gott kein Sosein und Dasein mehr, sondern bloßes Sein wird. Die facta bruta, die uns epistemologisch nur eingeschränkt zugänglich sind, wenn nicht gar verwehrt bleiben, stets zu Ideologie hin erstarren (wer hat je hier – der Mystiker a la Wittgenstein ist nicht im Hier – Freiheit und Notwendigkeit auszusöhnen vermocht?), hier sind sie in der Offenheit und zugleich Geschlossenheit des Ganzen nicht nur möglich, sondern wirklich. Wirkend.
Der schier unendlich peinigende Schmerz jener letzten Zwiesprache, jener so unbedingte Dialog eines jüngsten Tages, der die unbedingte Selbstschau in liebendem Bezug auf das Gegenüber hin meint, kann nur eine Liebe versprechen, die durch unendliche Gnade alles Trennende überwindet.
„Deus est caritas“. – Oder aber in diesem Hegelwort der Differenzschrift: „Denn Denken ist selbsttätiges Beziehen Entgegengesetzter, und das Beziehen ist, die Entgegengesetzten als gleich zu setzen.“ – Ein Letztes bleibt indes ungeklärt. Durch Gnade zu füllen. Österliches Geheimnis des Auferstehens.
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