Programm: Séverine Ballon, Violoncello

Rezital Séverine Ballon, Violoncello: Ballon (UA), Xenakis, Czernowin, Lou (UA)
forma Leipzig Jubiläumsfestival 2021 auf YouTube. Premiere: 8. Mai 2021, 12 Uhr
https://www.youtube.com/watch?v=5kNZ-YxRezI

PROGRAMM

Séverine Ballon  au travers des paupiéres closes (2020/21), Uraufführung
Iannis Xenakis  Kottos (1977)
Chaya Czernowin  Adentium Capillus Veneris No. 1 / Songs of the Muted One (Arr. Séverine Ballon) (2015)
Michelle Lou Untitled. Work in progress (2020), Uraufführung 

 Séverine Ballon, Violoncello 


Die französische, in Berlin und Lübeck ausgebildete Ausnahmecellistin Séverine Ballon widmet sich in ihrem diesjährigen Beitrag für das forma 10+1 Jubiläumsfestival vier Werken, geschrieben oder arrangiert für Violoncello Solo. Sie beginnt mit der Komposition Kottos des griechischen Komponisten Iannis Xenakis, dem eine besondere Affinität für das Instrument nachgesagt wird. Er schrieb Kottos als Prüfungsstück für den Internationalen Rostropowitsch-Violoncello-Wettbewerb. Auch bei Adentium Capillus Veneris No. 1 / Songs of the Muted One der israelischen Komponistin Chaya Czernowin handelte es sich ursprünglich um ein Pflichtstück der Neuen Musik, jedoch der Gesangsliteratur entstammend, welches Séverine Ballon für das Cello arrangierte. Es folgen zwei Uraufführungen, beginnend mit au travers des paupiéres closes (2020/21), einer Eigenkomposition der Cellistin, sowie dem von forma in Auftrag gegebenen Stück der US-amerikanischen Komponistin Michelle Lou. 

Die französische, in Berlin und Lübeck ausgebildete Ausnahmecellistin Séverine Ballon widmet sich in ihrem diesjährigen Beitrag für forma 10+1 Jubiläumsfestival vier Werken, geschrieben oder arrangiert für Violoncello Solo. Sie beginnt mit der Komposition Kottos des griechischen Komponisten Iannis Xenakis, dem eine besondere Affinität für das Instrument nachgesagt wird. Er schrieb Kottos als Prüfungsstück für den Internationalen Rostropowitsch-Violoncello-Wettbewerb. Dementsprechend ist es, obwohl herausfordernd, leichter zugänglich, verglichen mit früheren Werken des Komponisten für Solo Cello. Der Name Kottos verweist auf die Bezeichnung für die hundertarmigen, vielköpfigen Titanen, die der Gott Zeus der Legende nach bekämpft und besiegt haben soll. Dementsprechend kann auch der Verlauf des Stücks als Kampf mit einem Wesen, das zu vielen Aktionen gleichzeitig befähigt ist, interpretiert werden. Diesen eröffnet die erste Note des Stücks mit einem hart reibenden, schleifenden Geräusch, welches durch starkes Ziehen des Bogens auf dem Steg des Cellos entsteht. Es wechselt schnell zu einem weichen, doch animalischen Klang, erzeugt durch eine Kombination von Obertönen und Glissandi. Im weiteren Verlauf der Komposition wird eine reiche Palette von Klangfarben eingeführt und entwickelt, deren Wechsel sich rasch vollziehen. Es gibt klare melodische Passagen, besonders gegen Ende, doch der Rhythmus bleibt das wichtigste Element. Die große Herausforderung für die Cellistin besteht darin, die technischen Schwierigkeiten des Werks so weit zu überwinden, dass die überschwängliche Energie der Musik, sowohl aggressiv als auch feierlich, zum Tragen kommt. 

Auch bei Adentium Capillus Veneris No. 1 / Songs of the Muted One der israelischen Komponistin Chaya Czernowin handelt es sich dem Ursprung um ein Pflichtstück der Neuen Musik, jedoch der Gesangsliteratur entstammend, welches Severine Ballon für das Cello arrangierte. Charakteristisch für Czernowins Kompositionen ist der Einsatz von Metaphern als Mittel für eine ungewohnte Klangwelt. Dies geschieht über die Verwendung von Geräuschen und physikalischen Parametern wie Gewicht, texturalen Oberflächen (Glätte oder Rauheit etc.), der Problematisierung von Zeit oder auch der Entfaltung und Verschiebung von Skalen. Ihr Ziel ist dabei eine Musik des Unterbewussten zu erschaffen, die über Stilkonventionen oder Rationalität hinausgeht. Das Stück beginnt mit einer langen Reihe sich verdichtender Glissandoketten, die vergessen lassen, dass die Komposition ursprünglich nicht für das Cello geschrieben wurde. Ruhig fragend, die Zeit zwischen den einzelnen Klängen auskostend, verströmt Séverine Ballon eine meditative Ruhe, die dennoch spannungsvoll den nächsten Ton nicht erwarten kann. Das Stück endet ohne Höhepunkt nach einem neuen, fast tonalen Motiv, das eine mögliche Antwort auf die, zuvor im Glissando gestellten Fragen anbietet. Nur um diese dann von Neuem wieder aufzuwerfen.  

Es folgen zwei Uraufführungen, beginnend mit einer Eigenkomposition der Cellistin Séverine Ballon, sowie des von forma Leipzig in Auftrag gegebenen Werks der US-amerikanischen Komponistin Michelle Lou.  

 


Séverine Ballon: au travers des paupiéres closes (2020/21), Uraufführung (10‘) 

La première version de la pièce au travers des paupières closes, pour violoncelle et ensembles à cordes, devait être jouée le jour de mes 40 ans en mai 2020. En composant cette pièce, en imaginant les sons, j’imaginais aussi le jour de la création, et cette pièce est petit à petit devenue une pièce-anniversaire et sur ce passage d’une vie. Un mouvement végétal, la vitesse des racines qui percent la terre, l’éclosion des bulbes et des fleurs. Cette nouvelle version est un arrangement de la pièce pour violoncelle solo.  

Séverine Ballon 

Die erste Version des Stücks au travers des paupiéres closes für Cello und Streicherensembles, sollte zu meinem 40. Geburtstag im Mai 2020 aufgeführt werden. Beim Komponieren, beim Klänge imaginieren, war auch der Tag seiner Entstehung in meinen Gedanken. So wurde es nach und nach zu einem Geburtstagsstück und einem Stück über diesen Lebensübergang. Eine pflanzliche Bewegung, die Geschwindigkeit von Wurzeln, die die Erde durchbohren, das Aufblühen von Zwiebeln und Blumen. Diese neue Version ist eine Bearbeitung des Stücks für Solo-Cello. 

 

Michelle Lou: „Untitled-work in progress“ für Solo Cello und Elektronik, geschrieben für Séverine Ballon.  

„The plan was to spend a month in Paris to develop this piece together in person, however that was not possible. This is a first version of the piece resulting from remote correspondence.“ 

Michelle Lou 

„Der ursprüngliche Plan war, einen Monat in Paris zu verbringen, um das Stück dort gemeinsam zu entwickeln. Dies war jedoch leider nicht möglich. Bei dem hier Gespielten handelt es sich um eine erste Version, die auf gelegentlichem Kontakt zwischen Komponistin und Cellistin basiert.“  


 BIOGRAFIEN

Iannis Xenakis, 1922 als Sohn griechischer Eltern in Rumänien geboren, studierte ursprünglich Ingenieurwissenschaften in Athen, nahm jedoch neben dem Studium ebenso Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt. Bei einem Straßenkampf im griechischen Bürgerkrieg (1946-49) erlitt er durch eine Explosion eine schwere Verletzung im Gesicht, die ihn auf einem Auge erblinden ließ. Er floh aus Griechenland, wo er für seine politische Aktivität zum Tode verurteilt wurde und gelangte schließlich nach Paris. Trotz seines illegalen Aufenthaltsstatus erhielt er Arbeit beim Architekten Le Corbusier, als dessen Assistent Xenakis zwölf Jahre lang arbeitete. Nebenher übte sich Xenakis im Komponieren, nahm dafür Unterricht bei Arthur Honegger, Darius Milhaud und Olivier Messiaen. Aus der doppelten Expertise von Musik und Architektur ergeben sich Xenakis‚ eigene Kompositionsverfahren, deren Basis mathematische, geometrische, architektonische und philosophische Prinzipien bilden. Xenakis starb im Februar 2001. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag zum zwanzigsten Mal. 

Chaya Czernowin, 1957 in Israel geboren, studierte in Tel Aviv, Berlin und später an der University of California, San Diego bei Brian Ferneyhough. Nach Arbeitsstipendien in Tokio und am IRCAM Paris unterrichtete sie u. a. 1993/1994 am Yoshiro Irino Institut in Tokio und von 1990 bis 1998 bei den Darmstädter Ferienkursen. Ihre Musik wurde weltweit von einigen der besten Orchester und Interpreten neuer Musik aufgeführt. Sie hatte eine Professur an der UCSD inne und war die erste Frau, die als Kompositionsprofessorin an die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (2006-2009) und 2009 an die Harvard University  berufen wurde. Gemeinsam mit Jean-Baptiste Jolly sowie dem Komponisten Steven Kazuo Takasugi ist sie Gründungsmitglied der Sommerakademie auf Schloss Solitude, einem alle zwei Jahre stattfindenden Kurs für Komponisten (2003-2019). Takasugi und Czernowin unterrichteten auch bei Tzlil Meudcan, einem internationalen Kurs in Israel, der von Yaron Deutsch vom Ensemble Nikel gegründet wurde. Czernowin war 2005/6 Artist in Residence bei den Salzburger Festspielen und 2013 beim Lucerne Festival, Schweiz, sowie 2021 beim Huddersfield Festival. Während des Lockdowns der Pandemie 2020 begann sie ein Studium der elektronischen Musik bei Hans Tutschku. Czernowin ist israelisch/amerikanische Staatsbürgerin und lebt mit dem Komponisten Steven Kazuo Takasugi in der Nähe von Boston.  

Séverine Ballon absolvierte ihr Violoncello-Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und an der Musikhochschule Lübeck bei Joseph Schwab und Troels Svane. Von 2004 bis 2005 war sie Mitglied der Internationalen Ensemble Modern Akademie in Frankfurt/Main (IEMA). Von 2005 bis 2006 spielte sie als Solocellistin mit dem Orchestre de Chambre de Toulouse. Seitdem konzentriert sie sich auf die Interpretation Neuer Musik und erweitert fortwährend das Spektrum ihrer Spieltechniken als Klangforscherin und Improvisatorin. Von 2008 bis 2009 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude. Séverine Ballon leitete Meisterklassen in Harvard, Stanford, Huddersfield und beim Tzlil Meudcan Festival. 2014 war sie Visiting Fellow an der Harvard University und 2016 bis 2017 Visiting Artist im CCRMA der Stanford University. 2016 komponierte sie die Originalmusik für den Kinofilm O Ornitólogo von João Pedro Rodrigues. Im letzten Jahr erschien ihre erste CD mit eigenen Werken. 

Michelle Lou, geboren in San Diego, Kalifornien, erhielt einen doppelten B.A.-Abschluss in Performance und in Komposition an der University of California, San Diego (UCSD). Anschließend setzte sie ihr Studium des Kontrabasses am Conservatorio G. Nicolini in Piacenza, Italien, fort. Das Konservatorium ohne Abschluss verlassend, führte sie ihr Kompositionsstudium an der U.C.S.D. (würde die Punkte weglassen) fort und erwarb dort einen Master of Arts. Als Fulbright-Stipendiatin nahm sie das Masterprogramm an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz auf, um mit Beat Furrer zu arbeiten, wechselte dann jedoch für ein Promotionsstudium an die Stanford University, welches sie 2012 mit dem D.M.A. abschloss. Ihre wichtigsten Lehrer im Bereich Komposition sind Chaya Czernowin, Steven Kazuo Takasugi und Brian Ferneyhough. In den Jahren 2013-2014 war sie Stipendiatin am Radcliffe Institute for Advanced Study an der Harvard University. Ihre Arbeiten wurden bei Festivals wie Wien Modern, den Donaueschinger Musiktagen oder auch beim Festival for New American Music aufgeführt. Im Jahr 2012 gewann sie ersten Preis beim Finale/American Composer’s Forum Wettbewerb. Im Jahr 2016 wurde ihre Komposition „The Sporting Life“ für Trio beim forma Festival uraufgeführt. Derzeit unterrichtet sie an der UCSC in Santa Cruz.