Programm: Ermis Theodorakis, Klavier/Cembalo

Rezital Ermis Theodarkis, Klavier/Cembalo: Werke von Iannis Xenakis
forma Leipzig Jubiläumsfestival 2021 auf YouTube – Premiere: 8. Mai 2021, 15 Uhr
https://youtu.be/8BM0buqRbBI


PROGRAMM:

Iannis Xenakis Herma (1961) für Klavier
Iannis Xenakis
Khoaï (1976) für Cembalo
Iannis Xenakis
Mists (1980) für Klavier
Iannis Xenakis
Naama (1984) für Cembalo

Ermis Theodorakis, Klavier und Cembalo  


 „Meine größte Errungenschaft wäre es, eine Musik zu komponieren, die jede Form des Ausdrucks in sich schließt“ Iannis Xenakis 

Der Komponist und Pianist Ermis Theodorakis gilt als einer der herausragenden Interpreten der Klavierwerke von Iannis Xenakis. Vier Stücke des griechischen Komponisten und (Klang)Architekten kommen beim diesjährigen forma 10+1 Jubiläumsfestival durch Ermis Theodorakis zur Aufführung. Er beginnt mit Herma, dem ersten größeren Klavierwerk des Komponisten, welches durch den weiten Ambitus und schnelle Tonfolgen zu den schwierigsten Stücken der Klaviermusik zählt. Instrumentenwechsel. Für Khoaï (1976) spielt Theodorakis auf seinem modernen, fünfpedaligen Cembalo, welches nach Angaben des Komponisten zudem elektronisch verstärkt wird. Hier zeigen sich die der Komposition innewohnenden erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments. Darauf folgt Mists (1980), Xenakis‘ drittes Klavierwerk, in welchem er stochastische Berechnungen, die schon Herma als Kompositionsprinzip dienten, durch graphische Notations-Achsen, genannt Arboreszenzen, erweitert und so ein auditiv erfahrbares Klanggebäude schuf. Zuletzt erklingt Naama (1984) erneut auf dem Cembalo. Dieses Stück ist im Gegensatz zu Khoaï fast ausschließlich akkordhaft aufgebaut, um die gegeneinander verschobenen Rhythmen noch stärker in den Vordergrund zu rücken. Das Cembalo wird hier noch mehr zu einem Schlag- denn einem Zupfinstrument. Vier sehr verschiedene Kompositionen, mit welchen es dem Solisten gelingt, den Zuhörenden die weite Bandbreite der kompositorischen Sprache Xenakis‘ zu eröffnen.   

Iannis Xenakis und Ermis Theodorakis sind zwei Namen, die zusammengehören, und das nicht wegen der gleichlautenden Endung. Der Pianist Theodorakis, der auch mit einer eigenen Komposition beim diesjährigen forma 10+1 Jubiläumsfestival vertreten ist, brachte Xenakis‘ Kompositionen bereits im Alter von sechzehn Jahren zur Aufführung. Es war bei einer dieser Gelegenheiten, dass Komponist und Pianist sich begegneten. Etwa zwei Jahre später erklärte Xenakis den damals achtzehnjährigen Pianisten zum idealen Interpreten seiner Werke.  

Theodorakis beginnt die diesjährige Aufnahme mit Herma, Xenakis‘ erster größerer Klavierkomposition, welche im Jahr 1961 im Anschluss an einen Aufenthalt in Tokio entstand. Es basiert, wie die meisten seiner Werke, auf mathematischen Modellen, in diesem Fall der Wahrscheinlichkeitstheorie sowie der Mengenlehre. Stochastische Berechnungen entscheiden dabei über Dauer und Platzierung der zuvor aus einem Vorrat bestimmten Töne. Mithilfe dieses verwissenschaftlichten Kompositionsprozesses versuchte Xenakis eine vollkommen abstrakte, universelle Musik zu schaffen, die frei von Gefühlen, Tradition oder einer Bindung zum Komponisten selbst existiert. Das dahinterstehende Prinzip nennt er Symbolische Musik. Bei der Uraufführung am 02. Februar 1962 in Japan, gespielt vom Pianisten Yuji Takahashi, dem das Werk auch gewidmet wurde, reagierte das Publikum zwiegespalten, schwankte zwischen Begeisterung und Schmerz. Herma zählt wegen seiner Geschwindigkeit und dem weiten Tonumfang zu den schwierigsten Stücken der Klaviermusik. Theodorakis spielte es bereits etwa vierzigmal, dabei immer auswendig. Sein präzises, nuanciertes Spiel wird dabei selbst zu einer Performance.  

Instrumentenwechsel für Khoaï (1976) und später erneut für Naama (1984). Ebenso, wenn nicht sogar mehr noch als XenakisKompositionen für Klavier, werden seine Cembalostücke in der Aufführung vernachlässigt, nicht zuletzt aufgrund ihrer technischen Herausforderung. Jedoch scheint gerade das Cembalo durch seine klare, unverzögerte Tonerzeugung für die rhythmische Präzision, die Xenakis Kompositionen verlangen, perfekt für dessen Musik geeignet. Historische Assoziationen, die sich bei den Hörenden möglicherweise mit dem Instrument verbinden, werden vom akkuraten, technischen Klang des Cembalo bei Xenakis fortgewischt. Obwohl als Soloinstrument auftretend, wird das Cembalo nach Anweisung des Komponisten verstärkt und erhält so, ergänzt durch die fünf Pedale des modernen Instruments, eine Lautstärke und Klangtiefe, die durchaus mit dem nebenstehenden Flügel mithalten kann.  

Khoaï erforscht verschiedene kompositorische Möglichkeiten und Charakteristika des Cembalos. So folgen auf statische und sehr rhythmische Passagen Tonfolgen, die vom Gestus fast barock anmuten, nur um Sekunden später wieder von stochastischen, scheinbar willkürlich wirkenden Tonplatzierungen abgelöst zu werden. Wilde Clusterwiederholungen fordern gegen Ende des Stückes die Stabilität des Instruments heraus, bis zuletzt ein einzelner Akkord wie ein Schlag herabfällt, stehenbleibt, verklingt. Die Aufführung von Khoaï erfordert Ausdauer, sowohl vom Spielenden, den Zuhörer*innen, als auch dem Instrument selbst. 

Das folgende Stück, Mists, entstand im Jahr 1980 und ist nach Herma (1961) (und dem hier nicht aufgeführten Stück Evryali (1973)) das dritte und umfangreichste Klavierstück des Komponisten. In diesem Werk zeigt sich Xenakis noch deutlicher als Klangarchitekt, dem es gelingt, Musik und Mathematik, Komposition und Architektur zu verbinden. Das mit der Komposition entstandene Klanggebäude lässt sich mental betreten: Hohe Säulen, lichtdurchflutete Gänge, Diagonalen und Spieglungen entstehen vor dem inneren Auge. Fließende Linien formen spiralförmig aufsteigende Treppenhäuser aus hellem Material, während der Pianist fein nuanciert die in Musiknotation übersetzten graphischen Linien auf den Tasten umsetzt. Auch in Mists liegen der Komposition stochastische Berechnungen für die Platzierung der Noten zugrunde, nun jedoch erweitert durch graphische Strukturen, die eine Symbiose aus Form und Klang ermöglichen. Diese linearen Tonfolgen, Arboreszenzen genannt und entnommen aus der Graphentheorie, bilden melodische Notengraphen vom selben Ursprung, zwar gleichförmig, doch in unterschiedlichen Tempi verlaufend, so dass die Töne zeitlich versetzt erklingen. Während sich Evryali noch ausschließlich diesem Verfahren widmete, verbinden sich in Mists beide Prinzipien.  

Zuletzt erklingt Naama (1984) (vom altgriechischen „Nama“, „fließendes Wasser“), erneut auf dem Cembalo. Dieses Stück ist im Gegensatz zu Khoaï fast ausschließlich akkordhaft aufgebaut, um sich noch stärker den gegeneinander verschobenen Rhythmen widmen zu können. Das Cembalo wird hier noch mehr zu einem Schlag- denn einem Zupfinstrument. Melodische Partien erklingen äußerst selten und im starken Kontrast zu den rhythmisch-akkordischen Passagen.  

Trotz der solistischen Besetzung handelt es sich um vier sehr verschiedene Kompositionen, mit welchen es Ermis Theodorakis gelingt, allen Zuhörenden die weite Bandbreite der kompositorischen Sprache Xenakis zu eröffnen.   


Iannis Xenakis wurde als Sohn griechischer Eltern in Rumänien geboren. Er studierte Ingenieurwissenschaften in Athen und kämpfte währenddessen im Widerstand gegen die Griechenland okkupierenden Nationalsozialisten und dem anschließenden Bürgerkrieg. Bei einem Straßenkampf erlitt er durch eine Explosion eine schwere Verletzung im Gesicht, die ihn auf einem Auge erblinden ließ. Einige Jahre darauf musste er aus Griechenland fliehen, wo er für seine politische Aktivität zum Tode verurteilt wurde. Er gelangte schließlich nach Paris. Trotz seines illegalen Aufenthaltsstatus erhielt er Arbeit beim Architekten Le Corbusier, als dessen Assistent Xenakis zwölf Jahre lang arbeitete. Zu deren berühmtester Zusammenarbeit gehört der Philips-Pavillon, den Xenakis anlässlich der Weltausstellung 1958 in Brüssel nach Vorlagen von Le Corbusier umsetzte. Nebenher und teilweise bis spät in die Nacht übte sich Xenakis im Komponieren, nahm dafür Unterricht bei Arthur Honegger, Darius Milhaud und Olivier Messiaen. Aus der doppelten Expertise von Musik und Architektur ergeben sich Xenakiseigene Kompositionsverfahren, deren Basis mathematische, architektonische und philosophische Prinzipien bilden. So entstand beispielsweise aus den hyperbolischen Kurven, die dem Phillips-Pavillon zugrunde liegen, auch die Basis für Xenakis wohl bekannteste Komposition Metastasis für 61 Instrumente. Xenakis starb im Februar 2001. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag zum zwanzigsten Mal.  

 

Ermis Theodorakis wurde 1979 in Athen geboren. Dort studierte er Klavier, Komposition und Musikwissenschaft. Es folgten Aufbaustudien in Amsterdam im Fach Klavier und in Leipzig im Fach Komposition. 2016 erlangte er in Athen einen musikwissenschaftlichen Doktortitel. Als Solist ist er international tätig, konzertierte u. a. mit dem Athener Staatsorchester und den Buenos Aires Philharmonikern unter Dirigenten wie Arturo Tamayo und Peter Eötvös. Er hat mit zahlreichen wichtigen Komponisten zusammengearbeitet, darunter Iannis Xenakis, Brian Ferneyhough, Claus-Steffen Mahnkopf und Mark Andre. Seine Aufnahmetätigkeit besteht aus acht Solo-CDs die das Gesamtklavierwerk von Xenakis, Mahnkopf und Yorgo Sicilianos, sowie Werke von Komponisten der Zweiten Wiener Schule, Yannis Ioannidis, Dániel Péter Biró und verschiedenen griechischen Komponisten umfassen. Als Komponist schuf er mehr als 20 Werke. Ermis Theodorakis ist seit 2017 Lehrbeauftragter für Gegenwartsmusik an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Seit 2015 ist er Vorstandsmitglied bei forma Leipzig.