Programm: ensemble forma: J. Harberg, J. Cotta, M. Steuber, E. Theodorakis

ensemble forma: J. Harberg, J. Cotta, M. Steuber, E. Theodorakis
Werke von F. Pätzold (UA), S. Beyer (UA), E. Theodorakis, A. Kleinlosen (UA)
forma Leipzig Jubiläumsfestival 2021 auf YouTube – Premiere: 9. Mai 2021, 18 Uhr
https://youtu.be/QeV3bynPJSw


PROGRAMM:

Felix Pätzold  mignonlieder (2021) für Mezzosopran solo (3′), Uraufführung
Stefan Beyer Maß und Gewicht (2020) für Schlagzeug, Klavier, E-Gitarre und Tape (15′), Uraufführung
Ermis Theodorakis Lied (2010) für Mezzosopran und Klavier (10′)
Adrian Kleinlosen Paroxysmen (2016-17/2021) für Stahlseitengitarre, Cembalo, Schlaginstrumente und Elektronik (11′), Uraufführung 

ensemble forma:
Juliane Harberg, Mezzosopran
Ermis Theodorakis, Klavier
Johannes Cotta, Schlagzeug
Martin Steuber, Gitarre 


 

Der letzte Beitrag des diesjährigen forma 10+1 Jubiläumsfestivals ist – dem Anlass entsprechend – pure forma Zusammenarbeit. Hier treffen Komponisten und Künstler:innen, Vereinsmitglieder und Freunde aufeinander. In den vier Kompositionen, darunter drei Uraufführungen, begegnen sie sich auf Augenhöhe, wohl wissend was sie einander abverlangen, anvertrauen und miteinander teilen können. Hier zeigt sich der Verein allem voran als Herzprojekt und Verschreibung an die zeitgenössischen Musik. 

 Der letzte Beitrag des diesjährigen forma 10+1 Jubiläumsfestivals ist – dem Anlass entsprechend – pure forma Zusammenarbeit. Hier treffen Komponisten und Künstler:innen, Vereinsmitglieder und Freunde aufeinander. In den vier Kompositionen, darunter drei Uraufführungen, begegnen sie sich auf Augenhöhe, wohl wissend was sie einander abverlangen, anvertrauen und miteinander teilen können. Hier zeigt sich der Verein allem voran als Herzprojekt und Verschreibung an die zeitgenössischen Musik. 

 Es beginnt Juliane Harberg, solistisch, mit der kurzen, für sie geschriebenen Neukomposition mignonlieder des in Leipzig ausgebildeten Felix Pätzold. Die textbasierte Komposition erlaubt es der Sängerin ihren weiten Tonumfang zu zeigen, fordert große Tonsprünge und schnelle Dynamikwechsel, bleibt dabei jedoch ruhig, teilweise tonal. Die Textgrundlage bildet die dritte Zeile des Mignon Gedichtes aus Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Dabei erstreckt sich die einzelne Phrase über die gesamte Komposition, einzelne Wortteile werden gedehnt, Laute und Konsonanten wiederholt oder auch eingefügt. Der Figur des/der Mignon/Mignonne, einer oft sexualisierten, androgynen, musizierenden Kindergestalt tritt im Roman als eine (nicht unkompliziert) freundschaftliche Begleitern des Protagonisten auf. Die dort niedergeschriebenen MignonGedichte dienten vielen Musikern als Kompositionsgrundlage. Man findet sie unter anderem bei Beethoven, Zelter, Schubert und Schumann, Tschaikowsky oder Hugo Wolf.  

 Mignon 

Heiß‘ mich nicht reden, heiß‘ mich schweigen!
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht.
Ich möchte dir mein ganzes Inn’re zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.
[…]
J.W. Goethe 

 In der darauffolgenden Komposition Maß und Gewicht von Stefan Beyer spielen Ermis Theodorakis, Martin Steuber und Johannes Cotta mit verschwimmenden instrumentellen Verantwortlichkeiten. Auch Gitarrist und Pianist sind hier gelegentlich Teil der Rhythmusgruppe, allen drei Musikern stehen verschiedene geräuscherzeugende Percussion-Instrumente zur Verfügung. Auf der Gitarre selbst werden im gesamten Stück nur fünf verschiedene Töne gespielt. Die Musiker werden dabei von einer vorproduzierten Tapespur begleitet. Besonders ist hier auch der Einbezug von extra angefertigten Plattenglocken, drei in der Größe variierende Platten aus Glockenmessing, die angeschlagen oder gestrichen werden können. Die ruhige, flächige Komposition lebt von diesen verschiedenen, ungreifbaren Klangzusammenstellungen. Die wenigen erklingenden Töne liegen eng beieinander. Gleichzeitig eröffnen sich durch die liegenden Klangflächen weite Räume, die jedoch ungefüllt, unbespielt bleiben. Durch die tonale Reduktion entsteht eine spannungsvolle Trostlosigkeit und intensive Leere, nur gelegentlich unterbrochen von einem harten, metallenen Glockenanschlag. Schließlich eine vom gezupften, geschlagenen Klavier durchbrochene Meditation, welches sich mit der Ruhe nicht abfinden will. Immer wieder Störgeräusche, bis das Rauschen langsam leise, mit einem hellen Glockenklang endend, verklingt.  

 In Lied von Ermis Theodorakis kommt das Duo, bestehend aus Juliane Harberg und dem Komponisten selbst endlich zusammen. Der Titel des Stückes ist dabei durchaus kritisch zu verstehen. Die in der Klassik vorherrschende Rollenaufteilung wird hier aufgebrochen, in entgegengesetzt verlaufenden Dichteskalen wechseln die beiden Musizierenden ihre Verantwortlichkeiten und bleiben damit gleichberechtigt. Wie zwei entgegengesetzt verlaufende Regler schieben sich die komplexen Rhythmen über den Gesamtverlauf des Stückes übereinander. Dabei bleibt es dialoghaft, selten wird das Klavier hier zu einer Begleitstimme, auch gibt es lange Passagen ohne Gesang. Dieser bleibt zudem ohne Text, die gesungenen oder ausgestoßenen Laute entstammen verschiedenen europäischen Sprachen. Ursprünglich komponierte Theodorakis das Stück für Harbergs Abschlussprüfung im Fach Gesang, nach 10 Jahren Liegezeit wurde es im Jahr 2017 schließlich uraufgeführt. 

 Den programmatischen Abschluss bildet Paroxysmen von Adrian Kleinlosen. Die dreiteilige Komposition bringt die drei Musiker Cotta, Steuber und Theodorakis an die Grenzen ihrer Präzisionsmöglichkeiten. Die Konzentration, die das Stück von den Zuhörenden fordert, wird nur übertroffen durch die Kondition der Spielenden, die in ihrer Genauigkeit mit der hinzugefügten, digital erstellten Instrumentenspur mithalten können. Ebenso wie die real gespielten Instrumente ist der digital erstellte Sound im Ansatz ein Zupfinstrument, von Gitarre und Mandoline inspiriert. Durch verschiedene Techniken der Klangerzeugung werden die musikalischen Eigenheiten der realen Zupfinstrumente verfremdet und so auch mit deren traditioneller Konnotation gebrochen. Die hektische, komplizierte Rhythmik der Komposition wird dabei gelegentlich durch rhythmische Pattern unterwandert. Es entsteht eine Klang- und Rhythmenpolyphonie, in der sich gemeinsam musizierte Momente mit solistischen Passagen abwechseln. Diese bilden sich wiederum nicht aus linear geführten Einzeltönen, sondern bestehen aus Akkorden, wodurch auch die Einzelstimmen an Breite gewinnen. 

An »Paroxysmen«, einem 11-minütigen Stück für Stahlsaitengitarre, Cembalo, Zuspielband und Schlaginstrumente, habe ich von 2016 bis 2017 anderthalb Jahre gearbeitet. 

 Der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen: Paroxysmen, beständig zunehmende anfallartige Krankheitserscheinungen oder eine Folge von sich steigernden Vulkanausbrüchen, durchziehen in Form von plötzlichen dynamischen Ausbrüchen das Stück. Diese eruptiven Momente steigern sich zu einem anhaltenden Paroxysmus im letzten Formteil, einer Stretta im vierfachen forte.  

Das Stück gliedert sich in drei Großteile, deren letzte beiden aus mehreren Subteilen bestehen. Im ersten Teil werden sämtliche instrumentale Kombinationen durchlaufen; kurze Momente mit je eigenem Gepräge wechseln einander ab. Der zweite Teil exponiert vier aufeinander folgende Trios, in denen das anfänglich akkordische Spiel zunehmend mit linearen Gebilden angereichert wird. Der dritte Teil verzeichnet nicht nur einen instrumentatorischen Zuwachs – das Tutti bestimmt die Faktur dieses Formteils –, sondern auch einen energetischen: Die Transparenz des Anfangs macht einer Ästhetik des Surplus Platz. Vielgestaltige und simultan ablaufende Prozesse, oft in rasender Geschwindigkeit, werden zuweilen überraschend unterbrochen von plötzlichen Rissen im formalen Gewebe. Im Gegensatz zu meinen vorigen Stücken wird die Morphologie in »Paroxysmen« maßgeblich von Akkorden bestimmt, die in ihren Kombinationen Massenwirkungen hervorrufen. Neu sind auch formbildende Verfahren wie Kadenzklänge, plötzliche solistische Passagen oder das Messiaensche Prinzip »Auftakt-Akzent-Ausklang«. Außerdem arbeitete ich erstmalig mit insistierenden Wiederholungen, homorhythmischen Passagen und mit auf einem Grundschlag basierenden Rhythmen. 

 Adrian Kleinlosen 

 Fiebrig wild wird es gegen Ende der Komposition. Hier kommt die Krankheit, der Paroxysmus, als lineare Zuspitzung zum vollen Ausbruch, wie im Titel angelegt. Ein abruptes Ende. Die drei Musiker sind erschöpft!  



BIOGRAFIEN:

Juliane Harbergist freischaffende Opern- und Konzertsängerin und Bloggerin. Als Mezzosopranistin war sie bis 2015 an der Oper Kiel engagiert. Im Konzertfach war sie u.a. in der Berliner Philharmonie, bei den NDR-Musiktagen in Hannover und in der Stettiner Philharmonie zu hören. Mit einer eigenen Konzertreihe ArtiFACTion entwickelt sie ein neues Konzertformat für temporäre Präsentationsräume (Museen, Industrieparks) im Bereich Performance, zeitgenössische Musik und Theater. Als Kulturbotschafterin für die Kampagne #sogehtsächsisch veranstaltet sie in Kooperation mit Musiker:innen verschiedene hybride Veranstaltungsformate, die es freischaffenden Künstler:innen ermöglicht in der Pandemie weiterzuarbeiten. So initiierte sie den Videopodcast Dialogforum ZUKUNFTSMUSIK; im Rahmen des Beethoven Jahres 2020 gab sie ein lecture concert zum Thema Goethe Vertonungen und Beethoven in Kooperation mit dem Goethe Museum Düsseldorf; als künstlerische Leiter betreut sie die Klassikwoche auf der WERKSCHAU in Chemnitz und die Mittagskonzerte im Mai #Glücksorte in Leipzig. Daneben wird sie beim forma Leipzig Festival für Gegenwartsmusik im April 2021 verschiedene Werke zur Uraufführung bringen. Mit ihrem Liedduo Harberg – Theodorakis ist sie auf Konzertpodien im In- und Ausland zu hören. Mit Oper & Leben ist Juliane Harberg als Nachwuchs-Podcasterin erfolgreich. Im Rahmen des Bachfests 2021 wird sie erneut als Alt-Solistin zu hören sein. 

 Felix Pätzold, 1986 in Rostock geboren. Violoncello- und Klavierunterricht. 2006-12 Kompositionsstudium in Leipzig bei Claus-Steffen Mahnkopf, Gründungsmitglied von forma Leipzig e.V. Studienleiter und Kapellmeister am Oldenburgischen Staatstheater, vorher Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung in Flensburg. 

Stefan Beyer. Geboren 1981 in Braunschweig, wohnhaft in Berlin, Kompositionsstudium in Leipzig. Mitgründer und Vorsitzender von forma Leipzig. Mitarbeiter der Zeitschrift Musik & Ästhetik. Lehrbeauftragter an der HMT Leipzig im Fach Instrumentation 2011–13. Stipendien: Studienstiftung des deutschen Volkes, Else-Heiliger-Fonds Konrad-Adenauer-Stiftung, Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Kompositionspreise, zuletzt Toru-Takemitsu-Award in Japan mit dem Orchesterwerk Ich habe nie Menschenfleisch gegessen (Tokyo Philharmonic Orchestra, Ltg. Kah Chun Wong, Juror Heinz Holliger). Residenzen: 2015 Bundesatelier Cité des Arts Paris, 2016 Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2017 Villa Wasmuth Beethoven-Haus Bonn, 2018 Villa Aurora Los Angeles. Vorsitzender von forma Leipzig e. V.

Ermis Theodorakis wurde 1979 in Athen geboren. Dort studierte er Klavier, Komposition und Musikwissenschaft. Es folgten Aufbaustudien in Amsterdam im Fach Klavier und in Leipzig im Fach Komposition. 2016 erlangte er in Athen einen musikwissenschaftlichen Doktortitel. Als Solist ist er international tätig, konzertierte u. a. mit dem Athener Staatsorchester und den Buenos Aires Philharmonikern unter Dirigenten wie Arturo Tamayo und Peter Eötvös. Er hat mit zahlreichen wichtigen Komponisten zusammengearbeitet, darunter Iannis Xenakis, Brian Ferneyhough, Claus-Steffen Mahnkopf und Mark Andre. Seine Aufnahmetätigkeit besteht aus acht Solo-CDs, die das Gesamtklavierwerk von Xenakis, Mahnkopf und Yorgo Sicilianos, sowie Werke von Komponisten der Zweiten Wiener Schule, Yannis Ioannidis, Dániel Péter Biró und verschiedenen griechischen Komponisten umfassen. Als Komponist schuf er mehr als 20 Werke. Ermis Theodorakis ist seit 2017 Lehrbeauftragter für Gegenwartsmusik an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Seit 2015 ist er Vorstandsmitglied und Kassenwart bei forma Leipzig.   

Adrian Kleinlosen wurde 1987 in Wyk auf Föhr geboren. Er wurde auf der Posaune ausgebildet, gewann früh Preise und Wettbewerbe und war Mitglied des Bundesjugendjazzorchesters. In Graz studierte er Jazzposaune, anschließend Komposition in Luzern. Danach ein Meisterklassenstudium im Fach Komposition an der HMT Leipzig, wo er von 2015-2021 in Musikwissenschaft promovierte. Sein kompositorisches Schaffen wurde mit mehreren Stipendien ausgezeichnet, so von der AnnaRuths-Stiftung, der Kulturförderung des Freistaates Sachsen, dem Else-Heiliger-Fonds, dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, dem Land Brandenburg und dem Land Niedersachsen. Kleinlosen ist seit 2015 Vorstandsmitglied von forma Leipzig e. V. 

Johannes Cotta, geboren 1987 in Sondershausen, schloss 2011 sein Musikstudium im Hauptfach klassisches Schlagzeug/Orchestermusik an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ mit Diplom ab. Er arbeitet als freischaffender Musiker, hauptsächlich für Schlaginstrumente, in der klassischen Musik (Ensembles und Orchester) und der Neuen Musik. Seit 2011 ist er Mitglied des Vereins forma Leipzig für zeitgenössische Literatur und Neue Musik und dort als Ensemblemusiker, Solist und Performer tätig. Weiterhin arbeitet er als Studiomusiker, Barockpauker und freier Instrumentallehrer. Er wirkte u. a. bei Konzerten und Vorstellungen mit dem Gewandhausorchester Leipzig (u. a. als Substitut während des Studiums von 2006 bis 2007), den Dresdner Philharmonikern, dem MDR Sinfonieorchester, der Sinfonietta Leipzig, dem Ensemble forma Leipzig, Berlin Baroque oder den Leipziger Kammervirtuosen mit. Weiterhin besteht eine Zusammenarbeit mit Komponisten wie Steven Kazuo Takasugi, Mark Barden, Kai Johannes Polzhofer, Max Murray, Stefan Beyer oder Hang Su.  

Martin Steuber, 1980 in Leipzig geboren, hat sich als Interpret innovativer Konzertprogramme sowohl solistisch als auch im Ensemble einen Namen gemacht. Konzertreisen und Engagements führten ihn in viele Länder Europas, nach Asien und die USA. Spezialisiert auf Neue Musik und Alte Musik ist er regelmäßig Gast in Ensembles (u.a. Ensemble Avantgarde, Zafraan Ensemble, KNM Berlin, Ensemble Resonanz, Capella Sagittariana, Merseburger Hofmusik) und Orchestern wie Münchener Kammerorchester, Staatsorchester Braunschweig, Gewandhausorchester, Dresdner Philharmonie, Sächsisches Barockorchester u.a. Seine Arbeit führte zur Zusammenarbeit mit Künstler:innen wie Sarah Maria Sun, Prof. CS Mahnkopf, Steffen Schleiermacher, Johannes Kreidler, Jean Pierre Drouet und Helmut Lachenmann. Martin Steuber trat bei Festivals wie »MDR Musiksommer«, dem “Poznan Festival for contemporary music”, „ResonanzRaum Festival“ Hamburg,“TONLAGEN Festival“ Dresden, „Münchener Biennale“, „ZamusFestival für Alte Musik“ Köln und „Innsbrucker Festwochen“ auf. Seine Arbeit wurde mehrfach durch Radiomitschnitte (DeutschlandRadioKultur, SWR2) sowie CD – Aufnahmen (Accentus, Wergo) dokumentiert. Von seinen eigenen Projekten liegen Aufnahmen (CD „steuber.öllinger“ EIGENVERLAG; sowie die CD „lorem ipsum“ GENUIN des Leipziger Ensembles Combo CAM) vor.