Programm: Anja Kampmann, Lesung

Anja Kampmann, Lesung
forma Leipzig Jubiläumsfestival 2021 auf YouTube – Premiere: 8. Mai 2021, 17 Uhr
https://youtu.be/kJeqO927AWY


PROGRAMM: 

Anja Kampmann, Lesung aus ‚Der Hund ist immer hungrig‘ (Gedichte, Hanser Literatur)


Prosa oder Roman? Die (Wahl)leipziger Lyrikerin Anja Kampmann beherrscht beide Genres, lässt sich nicht auf eines davon festlegen. Im Jahr 2018 erschien ihr Debutroman ‚Wie hoch die Wasser steigen‘ (2018), der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Für das diesjährige Forma 10+1 Jubiläumsfestival liest sie aus ihrem, im Frühjahr 2021 im Carl Hanser Verlag veröffentlichten Gedichtband Der Hund ist immer hungrig‘. 

Tierbevölkert bleibt es, nicht nur im Titel. Zollhunde, Mamuts, Möwen, Kaninchen, Orcawale. Diese auch in doppelt abgeleiteter Form, als Nachverfahr. Mit Worten zeichnet sie Bilder, mal abstrakt, mal fotorealistisch konkret. Nein, mehr als Bilder. Gerüche, Geschmack, ein Gefühl auf der Haut, ein knarzender Stuhl. Multisensorisch, durch die Lesung nun aber nicht, wie sonst über das Auge, sondern über den Gehörsinn sich erschließend. Versteckt bleibt dabei die Anordnung der Worte, die konsequente Kleinschreibung, die Teilung der Strophen. Doch eröffnet sich nun durch die Lesung die Stimme der Autorin, ihre Phrasierung, ihr Silbenschwung. Die Sprache dabei aufwallend, wortneuschöpfend, klar, nicht aus der Zeit gefallen. 

Dreizehn Gedichte von unterschiedlicher Länge. Darin Begegnungen, Beobachtungen, Gedanken, mal so explizit, dass die Zuhörenden aus der freien Assoziation zurück an einen bestimmten Ort, und durch den Einbezug eines speziellen Begriffs, einer Phrase wieder in einen bestimmten Diskurs hineingeworfen werden. Dabei durch die Welt reisen, von Mittweida bis Hanoi. Dazwischen gelegentlich Kommentare der Autorin, Erklärungen, Hinweise. Der Ohridsee als ältester Süßwassersee der Welt. Mammuts, die wieder auferstehen, um den Permafrostboden in Ostsibirien zu erhalten. Politisch, aber nicht primär. Und manchmal eine Anmerkung danach. 

Merci sagt sie. (Kokett hinter den Kulissen.) Zum Schluss, zu Beginn. 

Merci für Ihr Zuhören.


Die Gedichte in Reihenfolge der Aufnahme 

ein liebesgedicht 

felder 

ohrid 

das schiff kyk 

kraft 

kaninchen 

mittweida, im januar 

hinter mir 

ebene  

passagier 

schlosser 

chase  

das blaue siegel (pleistozähnpark)  


Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Sie studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2011 war sie Stipendiatin des International Writing Program Iowa, danach Beginn einer Dissertation zu Samuel Beckett, später Prosa (‚Musikalität & Stille‘) sowie Arbeiten für den Rundfunk. 2013 erhielt sie den MDR-Literaturpreis, 2015 den Wolfgang Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt. Ihr Lyrikdebut ‘Proben von Stein und Licht’ erschien 2016 in der Edition Lyrik Kabinett im Hanserverlag (Hanser Verlag?). 2017 folgte ein Band mit Prosaminiaturen ‚Fischdiebe‘ in einer bibliophilen Edition von 100 Exemplaren. 2018 erschien der Roman ‚Wie hoch die Wasser steigen‘ ebenfalls bei Hanser. Der Roman wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Deutschen Buchpreis nominiert und in verschiedene Sprachen übersetzt. Die Autorin erhielt dafür den Mara-Cassens-Preis für das beste Romandebüt 2019, den Förderpreis Literatur der Stadt Lüneburg, den Lessing Förderpreis des Freistaates Sachsen 2019. Im Jahr 2019/2020 ist sie Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim. Mit der englischen Übersetzung ihres Romans war sie Finalistin des National Book Awards 2020 in den USA. 2020 erhielt sie den Rainer Malkowski Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. ‚Der Hund ist immer hungrig‘ erscheint im Frühjahr 2021 im Carl Hanser Verlag. 

Schriften, Texte und Gedichte von Anja Kampmann wurden bereits durch zeitgenössische Komponisten vertont: So setzte Kai Johannes Polzhofer den Zyklus ‚Gedichte aus dem ‚grenzland’‘ musikalisch um. Auch Claus-Steffen Mahnkopf entwarf eine Komposition zu ‚Versuch über das Meer‘ für Bariton-Solo, welche am 11. September 2015 in New York uraufgeführt wurde. Für die Jahre 2020-22 besteht ein Kompositionsauftrag mit der Komponistin Milica Djordjevic. Derzeit arbeitet Kampmann an der Übersetzung des Romans ‚Death Republic von Ilya Kaminsky.